“Mein neuer Job sieht keine Bezahlung vor, Urlaub auch nicht, die Arbeitszeiten sind 24 Stunden 7 Tage in der Woche und meine zwei kleinen Chefs schreien lautstark, wenn ihnen etwas nicht passt. Verrückt, so einen Job anzunehmen und sich sogar noch darüber zu freuen. “(S.22)Spontan, als ich die ersten Seiten des Ebooks gelesen habe, dachte ich gleich an ein Buch, welches ich vor einiger Zeit gelesen habe. Judith O’Reillys “Stadt, Land, Schluss” begann ganz ähnlich. Mit 2 kleinen Kindern von einer größeren Stadt auf’s Land gezogen, die Kontakte rissen ab, neue Kontakte mussten geknüpft werden und die Eingewöhnungszeit verlief nicht immer reibungslos. Beide Bücher bestehen aus Einträgen, die den jeweiligen Blogs der Autorinnen entnommen wurden und beide schrieben mit der Eigenart, Personen nicht beim Namen zu nennen. Im ersten Moment sind dies ziemlich viele Parallelen.
Weder heile-Welt-Stimmung, noch permanente Unzufriedenheit
ABER: Julia Wohlgemuth jammerte und bemitleidete sich nicht in ihren Schilderungen. Ganz im Gegenteil! Sie nimmt mit viel Humor und Wortwitz die britischen Eigenarten auf’s Korn, belächelt selbst ihr eigenes Unwissen (z.Bsp. Lehrer und Erzieher zu beschenken – in meiner Schulzeit war das auch nicht üblich) und ließ mich als Leserin an ihrem turbulenten Alltag als Vollzeitmami teilnehmen. Selbst im größten Chaos vermittelte sie mir nie den Eindruck, dass sie nicht alles im Griff hat oder unzufrieden mit ihrem Leben ist. So fiel es mir auch deutlich leichter, das Buch in großen Abschnitten am Stück zu lesen. Es wirkt herzlich und ehrlich, wie sie über ihre Familie und auftretende Erziehungsprobleme schreibt. Mit viel Diplomatie und einer gewissen Portion Bestechungsmaterial lassen sich schließlich (fast) alle Kinder überzeugen. Zuckersüß fand ich einen Abschnitt, in dem die Autorin ihrer zukünftigen Schwiegertochter schreibt. Ja, mit kleinen Jungs im Kindergartenalter ist dies natürlich etwas früh, aber es war wirklich niedlich zu lesen, wie sie ihrer potentiellen Schwiegertochter verspricht, ihre Söhne bestmöglich zu erziehen. Solche Kleinigkeiten machten für mich den Reiz dieses Ebooks aus.
Ich muss aber auch ganz deutlich sagen, mir fehlt schlichtweg der Charme eines Blogs, wenn alle Blogartikel chronolisch in einem Buch veröffentlich werden. Ein Blog lebt für mich durch den Überraschungsmoment und die Vorfreude auf “mehr” – man weiß, demnächst erscheint ein neuer Eintrag, aber was die Autorin schreiben wird, ist völlig offen. Dieses Gefühl fehlte mir im Buch ein wenig. Aber dies ist zum Glück Geschmackssache
Fazit: ein heiteres Stück Familiengeschichte legt Julia Wohlgemuth mit diesem Ebook vor. Ihre fröhliche, zuversichtliche Art und die humorvollen Beschreibungen ihrer Familie gefielen mir sehr gut und sorgten dafür, dass mir die Protagonisten vertraut vorkamen – obwohl ich nicht einmal ihre Namen kannte. Besonders geschätzt habe ich die kleinen Seitenhiebe auf Erziehungstipps, die zwar in der Theorie wunderbar funktionieren, im Alltag aber eher unbrauchbar sind. Um es abschließend mit einem Zitat zu sagen:
“Aber dreieinhalb Jahre und zwei kleine Jungs später, muss ich mir eingestehen, von einigen der Ideale musste ich mich verabschieden.”(S.72)
Im Original zu lesen bei Nie Ohne Buch