Leseprobe

Prolog
„Du willst, dass wir wohin ziehen?!“, entgeistert blickte ich den Telefonhörer in meiner Hand an. „Aufs Land??“
„Oh yes, darling“, erwiderte der große Autofanatiker am anderen Ende der Leitung. „Auf in the countryside.“ Der große Autofanatiker ist mein Lebensgefährte und Vater meiner Kinder und wird so genannt, weil sein Herz für Autos in Leidenschaft glüht. Für Autos, und wie es aussah auch für „the countryside“.
Natürlich hätte ich durchaus auf diese Bemerkung vorbereitet sein können. Die Zeichen gab es schon seit einiger Zeit, ich hätte sie nur zusammensetzen müssen wie in einem Puzzlespiel.
Da waren zunächst die Kataloge. Als unserer ältester Sohn, genannt der kleine Autofanatiker, ungefähr ein Jahr alt war, begannen plötzlich diese Broschüren von Wohnungsagenten, die wunderschöne Häuser in einsamer Gegend verkaufen wollten, in unserer Wohnung aufzutauchen. Richtige Landhäuser mit riesigen Gärten. Wir lebten zu dem Zeitpunkt in einer Zweizimmerwohnung mit Balkon in Hampstead, im Norden von London, ungefähr zehn Minuten vom pulsierenden Zentrum Londons entfernt. In unserer Nähe gab es die riesige Grünanlage Hampstead Heath, mir persönlich war das genug Natur. Der große Autofanatiker sah dies offensichtlich anders.
Dann kamen die Bemerkungen, die ganz harmlos in Gesprächen auftauchten. „Die Wohnung hier ist doch eigentlich ziemlich klein, oder?“ Als ich mit unserem zweiten Sohn schwanger war, kamen die Hinweise immer regelmäßiger. „Wie soll denn das gehen, mit zwei Kleinkindern die ganzen Treppen rauf?“ Wir wohnten im dritten Stock in einem Haus ohne Fahrstuhl. „Meinst Du nicht, die Kinder hätten gern einen Garten?“ Gefolgt von „Auf dem Land hätten wir viel mehr Platz.“
Und dann natürlich die tägliche Seifenoper, die wir angucken mussten. „Emmerdale Farm“, die englische Version von „Forsthaus Falkenau“ meets „Lindenstraße“. Die Soap spielt in einem kleinen idyllischen Dörfchen im Norden von England mit einem großen Gutshaus, vielen hübschen kleinen Häusern, dem Dorfpub, dem Tante-Emma-Laden (die Probleme, die sich freilich in diesem kleinen Dorf abspielen, lassen selbst die gefährlichsten Stadtteile New Yorks noch wie sichere Gegenden erscheinen, aber das nur nebenbei). Der große Autofanatiker, der selbst in einer englischen Industriegroßstadt aufgewachsen war, schaute es mit Begeisterung an und seine Augen bekamen beim Anblick des Landlebens einen glasigen Ausdruck.
Ich selbst bin auf dem Land aufgewachsen. Richtig auf dem Land. In einem kleinen Dorf, die nächste Großstadt mehrere Stunden entfernt. Und ich wusste, dass Landleben und ich nicht gut zusammenpassten. Ich liebte London. Ich liebte die Anonymität, die Lebendigkeit, die endlosen Möglichkeiten. Und ich hatte bislang alle zögerlichen Versuche des großen Autofanatikers, mir das Leben auf dem Land verkaufen zu wollen, im Keim erstickt.
Jetzt hatte er jedoch zum Schlag ausgeholt. Es war Juli 2008 und ich war mit dem kleinen Autofanatiker für einige Monate in Deutschland und hatte gerade unseren zweiten Sohn, genannt das Baby, bekommen. Wahrscheinlich war es die hormonelle Verwirrung und dann natürlich der ganze Schlafentzug. Anders kann ich es nicht erklären, dass ich nach einigen Telefonaten meine Zustimmung gab, dass der große Autofanatiker in unserer Abwesenheit ein Haus außerhalb von London suchen und unseren ganzen Hausstand dahin umziehen dürfte. Meine einzige Bedingung war, innerhalb der Autobahn M25, die den Großraum London wie einen Ring umschließt, zu bleiben. Schadensbegrenzung. Schließlich würden wir auf diese Weise immer noch in der Nähe der Zivilisation bleiben.

Und so kam es, dass ich mich zwei Monate später, als ich mit meinen zwei Söhnen nach einem Sommer in Deutschland wieder nach England kam, im kleinen Städtchen Epsom, südlich von London wiederfand. Der Beginn unseres Landabenteuers.